Bis 2030 werden fast alle Kraftwerke im Norden vom Netz gehen

14 norddeutsche IHKs fordern neue Kraftwerke und Laufzeitverlängerung von AKWs

Die IHK Nord sieht die Energieversorgung in Norddeutschland gefährdet, wenn nicht mehr Kraftwerke geplant, genehmigt und gebaut werden. Der Zusammenschluss der 14 norddeutschen Industrie- und Handelskammern, die zusammen mehr als 650 000 Unternehmen in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein vertreten, hat anhand einer ´Kraftwerkslandkarte´ aufgezeigt, dass über 90 Prozent der heute bestehenden Kraftwerksleistung in Norddeutschland in Höhe von rund 17.000 Megawatt bis 2030 vom Netz gehen wird. Dem gegenüber stünden zwar geplante Neubau-Projekte in fast gleicher Größenordnung, von denen jedoch rund ein Viertel bereits gescheitert ist bzw. deren Scheitern drohe.

Die Kraftwerkslandkarte Norddeutschland weist 35 bestehende Kraftwerke mit mehr als 100 Megawatt [MW] Einzelleistung in Norddeutschland aus, die einen Leistungsumfang von insgesamt 17.049 Megawatt haben. Mit dieser Kapazität kann eine Strom-Leistung von etwa 96.000 Gigawattstunden erzeugt werden, womit der tatsächliche Jahres-Stromverbrauch in Norddeutschland von gut 88.000 Gigawattstunden derzeit abgedeckt ist. Unter Berücksichtigung der gesetzlich festgelegten Laufzeiten der Kernkraftwerke sowie unter der Annahme, dass andere Kraftwerke eine durchschnittliche Laufzeit von 40 Jahren haben, werden bis 2015 rund 5.200 Megawatt, bis 2020 rund 12.100 Megawatt und bis 2030 rund 16.000 Megawatt (= 91% der bestehenden Kapazität) Kraftwerksleistung vom Netz gehen.

25 neue Kraftwerksprojekte in Norddeutschland sind derzeit bekannt. Nach aktuellem Stand werden bis 2015 rund 6.100 Megawatt neue Kraftwerksleistungen realisiert werden. Weitere 6.500 Megawatt sind in Planung, jedoch noch nicht genehmigt. Projekte in einer Größenordnung von rd. 4.100 Megawatt sind entweder bereits in der Genehmigungsphase gescheitert bzw. stehen auf der Kippe. Eine kurzfristige Versorgungssicherheit ist auch wegen des heutigen Kapazitätsüberhangs von rund 10 Prozent damit gegeben, ab 2020 jedoch drohen ´die Lichter in Norddeutschland auszugehen´, so die IHK Nord. Denn wenn ein Viertel der geplanten Kraftwerksvorhaben erfahrungsgemäß scheitern, reichen die jetzt bekannten Planungen bei weitem nicht aus, um den Energiebedarf der norddeutschen Wirtschaft in Zukunft zu decken.

Vor diesem Hintergrund schlägt die IHK Nord in ihrem Positionspapier ´Zur Energiepolitik und Klimaschutzstrategie der Bundesregierung´ insgesamt 16 Punkte vor, damit Energie in Zukunft langfristig planbar, zu wettbewerbsfähigen Preisen, umweltschonend und sicher zur Verfügung steht. Die ideale Energieform für Norddeutschland sei ein Energie-Mix mit Anteilen konventioneller Energie einschließlich Kernenergie und regenerativer Energie. Die Kraftwerkslandkarte zeige, dass der Anteil der regenerativ erzeugten Energie in Norddeutschland erheblich zunehmen werde. Sieben Off-shore-Windkraftanlagen mit insgesamt mehr als 2.400 Megawatt Leistung sind bereits genehmigt, zwei weitere Anlagen mit zusammen 800 MW Leistung sind in Planung.

Im bundesweiten Energie-Mix stellen die Erneuerbaren Energien heute einen Anteil von rund 14 Prozent am Bruttostromverbrauch. Nach jüngsten Beschlüssen auf europäischer und Bundesebene sollen diese Kapazitäten wesentlich erhöht werden. Pilotprojekte und Forschungsvorhaben im Bereich der dezentralen Energieversorgung und von Kombinationskraftwerken lassen für die Zukunft auch Lösungen in diesem Bereich für die Energieversorgung der Wirtschaft erwarten. Daher fordert die IHK Nord hier wie auch im Bereich der Speichertechnologie verstärkte Forschungsanstrengungen und -finanzierung.

Mit einem steigenden Anteil von Erneuerbaren Energien trage Norddeutschland auch den ehrgeizigen energie- und klimapolitischen Vorgaben der Bundesregierung Rechnung. Die von der Bundesregierung geforderte Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz dürfe jedoch nicht die nationalen Interessen in Bezug auf Wettbewerbsfähigkeit und Energieversorgung ausklammern. Um die selbst gesteckten Klimaschutzziele erreichen zu können, müsse deshalb der Ausstieg aus der Kernenergie überdacht werden. Ohne Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke könnten die vereinbarten Klimaschutzziele nicht erreicht werden, so die IHK Nord weiter.

Die Kraftwerksplanungen in Norddeutschland zeigten deutlich, dass auf die Nutzung fossiler Energieträger kurz- und mittelfristig nicht verzichtet werden könne. Die IHK Nord sieht jedoch im Neubau von Kraftwerken gerade auch im konventionellen Bereich erhebliche CO2-Einsparpotenziale. Mit dem Bau des Steinkohlekraftwerks in Hamburg-Moorburg könnten zum Beispiel durch das Abschalten alter Kraftwerkskapazitäten unter dem Strich 2,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Um die ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen, sollten die verfügbaren Technologien konsequent genutzt und weiterentwickelt werden. Aus Sicht der IHK Nord ist es zwingend notwendig, aufgrund der besonderen Bedeutung des Energiesektors für den Klimaschutz die Technologieentwicklung zur CO2-Abscheidung im Kraftwerksbereich (CCS-Technologien) voranzubringen und möglichst bald im Einsatz zu haben. Die in Planung befindlichen Kohlekraftwerke sollten zumindest über eine Nachrüstoption für die CO2-Abscheidung verfügen. Bis zur Praxisreife der CCS-Technologien sollten außerdem alle Möglichkeiten der Effizienzsteigerung im Bereich der konventionellen Kraftwerkstechnologien genutzt werden.

Um das Ziel einer langfristig gesicherten, wettbewerbsfähigen und umweltgerechten Energieversorgung für Norddeutschland zu erreichen, fordern die 14 norddeutschen Industrie- und Handelskammern neben der Umsetzung der 16 Punkte aus dem Positionspapier der IHK Nord ´Zur Energiepolitik und Klimaschutzstrategie der Bundesregierung´ insbesondere die Realisierung der derzeit geplanten Kraftwerksvorhaben, um die Versorgungssicherheit Norddeutschlands nicht zu gefährden. Dazu gehöre auch ein entsprechender Ausbau der Netzkapazitäten und die Schaffung von Planungssicherheit für einen zügigen Anschluss vor allem der neuen Windkraft-Anlagen im Off-Shore-Bereich.

Die IHK Nord hält ferner die Planung und Genehmigung neuer Kraftwerksprojekte für unerlässlich, da Norddeutschland vor dem Hintergrund bestehender gesetzlicher Regelungen bei der Nutzung von Kernenergie spätestens ab 2020 in einen Versorgungsengpass hineinlaufe. Der erfahrungsgemäß lange Planungs- und Genehmigungsvorlauf für Kraftwerksvorhaben und eine ´Nicht-Realisierungs-Quote´ von 25 Prozent der Vorhaben machten einen frühzeitigen Beginn weiterer Planungen unerlässlich.


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