Ansturm bei der Terminvergabe in der Schuldnerberatung Lichtblick

„…jede vertretbare Grenze seit Jahren überschritten“

Siegfried Jürgensen, Leiter der Schuldnerberatung Es ist Montag, 8 Uhr: Das Telefon klingelt ohne Pause, vor der Tür hat sich schon eine Schlange wartender Menschen gebildet. Der Grund aber ist kein Sonderangebot und kein Besuch eines Stars: Heute ist der Tag, an dem die Schuldnerberatung Lichtblick Termine für eine Erstberatung vergibt.

„Wir arbeiten nicht mehr nur am Limit – wir haben jede vertretbare Grenze seit Jahren überschritten“, sagt Schuldnerberater Siegfried Jürgensen und zeigt auf einen Stapel Papier. Darauf sind alle verzeichnet, die sich heute um einen Erstberatungstermin bemüht haben. 12 Termine konnten noch für dieses Jahr vergeben werden, 50 Menschen in Not mussten Siegfried Jürgensen und seine Kollegen vertrösten. „Bis Mitte November sind wir bis oben hin dicht“, sagt Siegfried Jürgensen.
Im Klartext bedeutet das: Fast 530 Klienten hat die Beratungsstelle, mehr als 300 betreut Siegfried Jürgensen – 277 davon sind Menschen, die mehrere Jahre die Hilfe der Schuldnerberater brauchen. Etwa 90 Fälle werden im Jahr abgeschlossen – fast einhundert aber kommen dazu. So steigt das Arbeitsaufkommen stetig. „Hinzu kommt, dass die Ratsuchenden mit immer höheren Schulden bei immer mehr Gläubigern zu uns kommen – allein im Vergleich zu 2005 haben sich die Summen mehr als verdoppelt. Das bedeutet natürlich einen höheren Arbeitsaufwand pro Fall.“

Siegfried Jürgensen ist es gewöhnt, nach vorn zu schauen. Er ist Sozialarbeiter von Beruf – er hat gelernt mit Nackenschlägen und Stress umzugehen. Doch auch er und seine zwei Kollegen brauchen eine Aussicht auf Besserung, einen persönlichen Lichtblick. Und genau der ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Zum Ende des Jahres wird der Arbeitslosenverband seine Schuldnerberatung schließen. Das Diakoniewerk Neues Ufer, Träger der Beratungsstelle Lichtblick, ist zwar bereit einzuspringen, aber noch ist die Finanzierung ungeklärt.

Professionelle, soziale Schuldnerberatung ist nicht in erster Linie darauf aus, die Symptome, also die Schuldensituation, zu bereinigen, professionelle soziale Schuldnerberatung setzt auch bei den Ursachen an.

„Überschuldungssituiationen, die nicht aufgearbeitet werden, bedeuten enorme Mehrkosten für die sozialen Sicherungssysteme und nicht zuletzt für die Krankenversicherungen, denn in Folge einer Überschuldungssituation drohen Krankheit, Wegfall sozialer Bindungen, Arbeitsplatzverlust, Wohnungslosigkeit. „Studien haben ergeben, dass jeder in die Schuldnerberatung investierte Euro zwei Euro Ersparnis bringt“, so Jürgensen. Städte wie Berlin und München haben deshalb die Investitionen in diesen bereich verstärkt. Zum Vergleich: München mutet seinen Beratern 130 Fälle zu – je zur Hälfte Kurz- und Langzeitberatungen. In Schwerin sind es nicht weniger als 334.

Doch Schuldnerberatung hilft noch an anderer Stelle sparen: Gäbe es sie nicht, würden private Insolvenzverfahren ausschließlich von Anwälten begleitet – die Kosten dafür fielen aufs Land zurück, denn wer eine Privatinsolvenz anstrebt, kann keine Anwaltshonorare zahlen. Nach neuesten Berechnungen entspricht die Einsparung dem Siebenfachen der Landesförderung. Auch hier offenbart sich die soziale Bedeutung der Schuldnerberatung: Sie strebt nur dann eine Privatinsolvenz an, wenn es wirklich unabdingbar ist. Zunächst werden alle andere Wege ausgelotet.

Das ist in der Regel günstiger für die Gläubiger wie auch die Schuldner. Der neueste Gesetzentwurf zur Insolvenzrechtsreform sieht daher auch vor, soziale Schuldnerberatung zu stärken.

Die Warteliste für die Terminvergabe ist nach zwei Tagen auf 65 Namen gestiegen. Wie lange es dauern wird, bis diese Liste abgearbeitet und jedem Ratsuchenden ein Termin genannt werden kann, ist nicht absehbar, denn täglich wächst die Liste weiter. Siegfried Jürgensen und seine Kollegen sehen dem gestiegenen Bedarf mit Sorgen entgegen. „Es ist kein gutes Gefühl, jemanden in Not auf Monate hin vertrösten zu müssen“ sagt der Schuldnerberater. Der Leuchtturm auf dem Foto in seinem Büro sollte ein Zeichen der Hoffnung sein. Für viele überschuldete Schweriner ist diese Hoffnung noch Monate entfernt.

Thomas Naedler


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